Statisten und mehr: „Bares für Rares“-Händler Walter Lehnertz redet Klartext

Walter „Waldi“ Lehnertz ist ein Original, ein rheinisches Original. Das wissen seit 2013 Millionen ZDF-Zuschauer, die begeistert die nachmittägliche Kult-Sendung „Bares für Rares“ mit Horst Lichter verfolgen. Waldi gehört von Anfang an zum festen Team der Händler in der Sendung, die den Privatanbietern ihre alten Schätzchen abkaufen. Oder auch nicht. Denn obwohl der 52-Jährige ständig auf der Suche nach Nachschub für seinen Laden „Waldis Eifel Antik“ in Kall-Krekel (Kreis Euskirchen) ist, kauft er längst nicht alles. Doch wenn er interessiert ist, legt er traditionell mit einem Gebot von 80 Euro los, egal wie hoch der offensichtliche Wert der Ware ist. Das hat sich zu seinem Markenzeichen entwickelt. Der gelernte Pferdewirt und spätere Garten- und Landschaftsbauer ist seit 2015 auch im Hauptberuf Trödel- und Antiquitätenhändler.
Alexander Kuffner sprach für Jeckes.NET mit dem Kult-Händler.

Waldi, hat man als Händler eigentlich schon mal ein schlechtes Gewissen gegenüber den Anbietern? Wenn man etwa genau weiß, dass das angebotene Ding ein Knaller ist und trotzdem weit unter Wert bietet, um den eigenen Verdienst höher zu treiben?
Eigentlich nicht, aus einem einfachen Grund: Du musst immer so hoch bieten, dass der Kunde auch etwas verdient. Sonst würde ich mich gar nicht auf den Handel einlassen. Ein kleines Beispiel: Eine durchschnittliche Quetschkommode hat momentan einen Wert von rund 400 Euro. Die Dinger bekommst du momentan aber nicht verkauft. Wenn mir jetzt jemand so ein Teil anbietet, dann sage ich „Da könnte ich dir momentan höchstens 80 Euro für geben, der Markt ist gerade schlecht. Nimm sie bitte wieder mit.“ Es würde mir nichts nützen, die Quetschkommode für 80 Euro zu bekommen – denn erstens würde ich eine lange Zeit drauf sitzen bleiben, wenn ich damit Gewinn machen möchte. Und zweitens wäre die Gefahr groß, dass hinter meinem Rücken gequatscht wird. Nachher wird der Verkäufer dann von Familie oder Freunden gefragt, wo denn die schöne Quetschkommode ist. Und wenn der dann sagt „Ach, das alte Ding hab ich für 80 Euro beim Waldi in Krekel gelassen“, sagen die vielleicht „Was? Ich hätte dir 300 dafür gegeben!“ Nee nee – da lass ich lieber die Finger davon.

Wie ist es möglich, von allem so viel Ahnung zu haben beziehungsweise den Wert von so vielen verschiedenen Dingen erkennen zu können?
Das macht einzig und allein die Erfahrung. Da helfen weder Internet noch Bücher, weil das Geschäft heutzutage so schnelllebig ist. Aber natürlich kauft man auch manchmal auf Risiko, das geht gar nicht anders. Ich habe Sachen von 2015 hier stehen, von denen ich damals gedacht habe, die wären der Renner. Und jetzt will sie keiner haben. „Verkaufen“ tut man sich immer mal, das ist das Risiko, mit dem wir Händler leben müssen. Zu etwa achtzig Prozent liege ich aber richtig, weil ich einfach weiß, dass die Ware gut läuft. Manchmal kaufe ich coole Sachen aber auch einfach als Hingucker für den Laden. Eben nur, damit die Leute sagen können „Guck mal, was für ein geiles Teil!“ Ob sich das dann verkauft, ist letztlich gar nicht so wichtig.

Waldi (r.) mit seinen „Bares für Rares“-Kollegen (v.l.) Wolfgang Pauritsch, Susanne Steiger, Fabian Kahl, Horst Lichter, und Ludwig Hofmaier. // Foto: ZDF/Frank Hempel

Warum kommen in Zeiten von eBay immer noch so viele Menschen zu Anbietern wie Dir?
Weil eBay unpersönlich ist. Man handelt nicht von Mensch zu Mensch, sondern von Mail zu Mail. Außerdem wird bei uns sofort bar bezahlt. Wenn du bei eBay etwas verkaufst, hast du immer Arbeit und vielleicht auch Scherereien. Du musst Fotos machen, es online stellen, verpacken, zur Post bringen und am Ende beschwert sich der Käufer vielleicht noch und fordert Nachlass und so weiter. Wenn du zu einem Händler gehst, ist das ein schnelles, sauberes Geschäft. Es gibt Geld bar auf die Hand und beide sind zufrieden. Mit dem Kaufen ist es das selbe in Grün. Die Ware steht direkt vor dir, du kannst sie genau in Augenschein nehmen und vielleicht noch etwas handeln.

Verkaufst du alles ausschließlich in deinem Laden in Kall-Krekel, oder auch online oder auf Auktionen?
Ich verkaufe ausschließlich im Laden. Selbst wenn ich weiß, dass ich über ein Auktionshaus eigentlich mehr für die Ware bekommen würde. Und bei den richtig tollen Sachen möchte ich auch wissen, wer sie haben möchte. Wer mir unsympathisch bist bekommt schon mal gar nix.

Ist dir in der Sendung eigentlich schon mal was runtergefallen?
Da wartet das Team seit sieben Jahren drauf (lacht). Obwohl, einmal ist mir tatsächlich was kaputt gegangen, das war so ein Spielzeug-Hubschrauber, an dem man kurbeln musste, damit er aufstieg. Ich hatte dann keine Idee, wie ich das Ding landen sollte und er ist schließlich gegen Susannes Daumen geflogen – Rotor kaputt. Der Kunde hatte aber zum Glück einen Ersatzrotor dabei und ich habe das Teil auch gekauft. Das war aber wirklich das einzige. Man passt auf die Sachen auf, als wären es die eigenen. Obwohl natürlich alles versichert ist.

Wie viel Geld habt ihr Händler bei „Bares für Rares“ eigentlich immer so in der Tasche?
Das kommt auf die Spezialisierung an. Schmuckhändler haben logischerweise immer etwas mehr dabei. Was mich angeht – und das ist bei einigen Kollegen ähnlich – habe ich meistens zwischen 10.000 und 15.000 Euro dabei. Wenn mal etwas außergewöhnliches kommt und schnell mehr Geld benötigt wird, leihen wir Händler uns auch untereinander etwas.

Was war das skurrilste, das dir je in der Sendung angeboten wurde?
Hmn, das war wohl die Pappmache-Figur von Goethe. Ein Goethe, der einen Diener macht mit einem Holztisch davor. Sah ein bisschen aus wie Kollege Albert (lacht). Einfach ein cooles Ding.

Wie ist das Verhältnis zu den Händlerkollegen, den Experten und Horst Lichter? Gibt’s in langen Produktionswochen nicht auch mal Knatsch untereinander?
Bei uns an der Händlertheke geht es auch schon mal rund. Das ist ein knallhartes Geschäft, da will jeder sein Gesicht wahren und kämpft für sich allein. Wenn ich bei einem bestimmten Teil sage „Das Ding geht in die Eifel!“, dann ist das eine ernstgemeinte Kampfansage. Wir schenken uns nichts, obwohl wir uns alle untereinander mögen. Aber du sprichst sicher auch auf die Zeit neben der Kamera an. Da ist allerdings nicht viel, zumindest was mich angeht. Abends sieht man sich eher selten, denn wir sind ja alle im Hauptberuf Händler und haben uns neben der Zeit vor der Kamera um unsere Geschäfte zu  kümmern. Außerdem fahre ich immer nach Hause über Nacht, manche andere auch.

Ist das Fernsehen für dich mittlerweile zum Hauptjob geworben und der Laden nur noch ein Hobby?
Nein, auf keinen Fall. Mein Laden ist für mich wichtiger, als „Bares für Rares“. Das ist mein Hauptgeschäft. Wenn ich mich heute zwischen meinem Laden und dem Fernsehen entscheiden müsste, würde ich der Sendung sofort „Tschö“ sagen.

Aber eine gewisse Prominenz hat dir die Sendung schon gebracht, von der du sicher auch profitierst …
Na klar, „80-Euro-Waldi“ hat sich ja richtig als Markenname etabliert. Es gibt inzwischen sogar schon Bustouren, die zu mir nach Krekel kommen. Und ich werde nicht nur in Deutschland erkannt, auch im Ausland ist mir dass schon öfter passiert. Die Werbewirkung durch „Bares für Rares“ ist unbezahlbar, da bin ich ehrlich. Aber das ist kein Selbstläufer, man muss den Kunden schon etwas bieten sonst kommen sie nur einmal und dann nie wieder.

Es wird ja immer wieder geschrieben, bei „Bares für Rares“ sei vieles nicht echt. Manche böse Zungen behaupten sogar, die ganze Sendung sei ein Fake …
Alles völliger Quatsch. Es gibt da ja ein Boulevard-Blatt mit vier großen Buchstaben, dass uns das seit Jahren hinterher sagt. Von diesem Blatt wurden bereits mehrmals Reporter zu uns eingeladen, um sich alles in Ruhe vor Ort anzusehen. Bisher ist allerdings keiner aufgetaucht. Sie würden auch nichts finden. Bei „Bares“ gibt es keine Fakes. Die Experten sind echt, die Anbieter sind echt und wir sind echt. Und tatsächlich haben wir vorher keine Ahnung, was uns da angeboten wird. Da wird ein riesiges Bohei drum herum veranstaltet. Die Waren werden peinlichst genau abgedeckt und versteckt, manchmal finde ich das fast schon ein bisschen lächerlich. Wir bekommen auch keine Tipps von den Experten oder können uns sonst irgendwie vorbereiten. So etwas könnte sich das ZDF ja gar nicht erlauben als öffentlich-rechtlicher Sender. Wenn das heraus käme, würde der Horst Lichter doch keinen Job mehr bekommen.

Aber es gibt doch durchaus Statisten bei der Sendung …
Natürlich gibt es die, und ich kann dir auch genau erklären, wo man die sieht. Während ein Kunde zu Horst Lichter und dem Experten an den Tisch tritt, um seine Ware schätzen zu lassen, siehst du im Hintergrund die anderen Experten mit weiteren Kunden an Tischen stehen. Diese Kunden im Hintergrund, das sind Statisten. Es geht dabei nur darum, das Bild im Hintergrund zu füllen und lebendig zu machen. An einem Drehtag kommen sechs Anbieter vormittags und sechs nachmittags. Die sind alle echt und für jedes Stück ist ein Experte da. Und manchmal siehst du außerdem in kurzen Schnittbildern lange Schlangen von Anbietern vor der Halle stehen. Die sind auch alle echt, aber das sind Bilder der Schätztage, die so etwa vier mal im Jahr stattfinden. An solchen Tagen kommen bis zu 400 Leuten, um ihre Waren von Experten einschätzen zu lassen. Wir Händler sind dann gar nicht da. Aber die Bilder der Schätztage werden eben ab und zu als Übergänge in die Sendungen hineingeschnitten.

Titelfoto: ZDF/Guido Engels

Sauna statt Kölsch: So haben Miljö die Session gemeistert

In diversen Schülerbands auf der Schäl Sick fing vor vielen Jahren alles an. Doch erst, als die fünf Freunde vor gut sechs Jahren Miljö aus der Taufe hoben, wurde die Domstadt auf sie aufmerksam. Dann das Umland. Und inzwischen kennt längst nicht mehr nur jeder Jeck die Band. Mit „Sulang die Leechter noch brenne“ wurden sie richtig bekannt, mit ihrem „Wolkeplatz“ berühmt und seit sie in der letzten Session „Kölsch statt Käsch“ ausriefen, konnten sie sogar den alljährlichen Songwettstreit „Loss mer Singe“ für sich entscheiden.  Inzwischen werden sie mit den Großen in einem Atemzug genannt: Brings, Kasalla, Miljö, Cat Ballou, Querbeat –  niemand braucht mehr Angst vor dem Aussterben Kölner Bands zu haben. Und Miljö tragen ein ganz großes Stück dazu bei. Trotz des großen Trubels am Ende der Session, fand Frontmann Mike Kremer Zeit, Jeckes.NET Rede und Antwort zu stehen.

Hallo Mike! Wir sind im Endspurt des Sessions-Wahnsinns, trotzdem zuerst zu etwas völlig anderem: Wie laufen die Arbeiten am neuen Album?
Die haben eigentlich mit der Veröffentlichung des letzten Albums „Wolkestadt“ wieder begonnen. Das ist eher ein langer und kontinuierlicher Prozess, denn wir können unsere Kreativität nur schwer steuern. Manchmal passiert es, dass mir eine Melodie zu einem neuen Song unter der Dusche oder im Auto einfällt. Für solche Fälle habe ich immer eine Diktier-App auf meinem Handy, so dass ich die Idee direkt einsingen kann, damit sie nicht verloren geht. Wenn wir dann keine Auftritte haben, sitzen wir oft zuhause und machen aus diesen Ideenfetzen einen ganzen Song. Haben wir genug davon gesammelt, werden die Lieder noch mal ordentlich aufgenommen und auf ein Album gepresst. So läuft das bei uns eigentlich immer. Um die eigentliche Frage zu beantworten: Wir sind schon recht weit, haben gute Ideen, am Ende könnte es aber auch passieren, dass nur eine EP mit sechs bis acht Songs dabei rumkommt – das lassen wir uns offen. Lieber acht gute Songs als zwölf mittelmäßige.

Ihr werdet es mit einer großen Release-Party am 25.10. im E-Werk feiern – gibt es überhaupt noch Tickets?
Der Vorverkauf hat im Dezember begonnen und läuft sehr gut. Alle, die noch kein Ticket haben, kann ich aber beruhigen: Es gibt noch welche. Wir freuen uns jetzt schon riesig auf den Abend, da es das mit Abstand größte eigene Konzert unserer bisherigen Bandgeschichte sein wird. Und natürlich lassen wir uns wieder einige besondere Sachen für unsere Fans einfallen. Seid gespannt.

Beim Videodreh zu „Schöckelpääd“ wurden die Jungs zu Cowboys.

Ein Release-Konzert in der „guten Stube“ unweit von eurem Veedel ist schon toll – aber träumt ihr insgeheim nicht schon von Müngersdorf? Einmal Miljö im Rhein-Energie-Stadion? Kasalla trauen sich ja schließlich auch …
(Lacht) Wir wurden in unseren Elternhäusern dazu erzogen, erstmal kleine Brötchen zu backen. Ans Stadion zu denken wäre komplett größenwahnsinnig. Natürlich ist das der Traum vermutlich jeder Band in Köln, aber das bleibt für uns erstmal nur ein Traum. Wenn wir irgendwann mal 50-jähriges Bandjubiläum feiern und es uns dann noch gibt, denken wir vielleicht mal darüber nach… Dass die Kollegen von Kasalla ins Stadion ziehen ist für uns der verdiente nächste Schritt und der absolute Höhepunkt einer beispiellosen Karriere. Wir freuen uns für und mit den Kollegen darüber und sind fest davon überzeugt, dass das Konzert schon bald restlos ausverkauft sein wird. Wir selber haben uns den Termin schon im Kalender geblockt und werden uns das Spektakel auch ansehen.

Das Video zu eurem diesjährigen Sessionshit „Schöckelpääd“ist ein Knaller und ziemlich aufwendig – wer hatte die Idee dazu und wie lange habt ihr gedreht?
Wir arbeiten schon seit Jahren mit der Produktionsfirma Filmklub Entertainment zusammen, weil die Jungs extrem gute Ideen haben und diese auch genial umzusetzen wissen. Als ich denen den Song geschickt hatte, war für sie direkt klar: Dazu müssen wir einen Western drehen! So richtig mit Schurken, Spiel und Schlägereien. Wir fanden die Idee auf Anhieb super und haben dann gemeinsam das Drehbuch ausgearbeitet. Der Dreh war ­– wie man vermutlich sehen kann – total witzig und wurde tatsächlich an nur einem, allerdings sehr langen, Tag abgedreht. Endlich durften wir uns mal so richtig die Köppe einhauen!


Ihr seid längst im großen „Karnevals-Zirkus“ etabliert und habt inzwischen gerne mal acht Auftritte pro Tag. Ist das so anstrengend, wie man es sich vorstellt?
Es ist extrem anstrengend und wenn wir unseren Job nicht so lieben würden, hätten wir schon längst das Handtuch geworfen, denke ich. Das, was am meisten Energie kostet, sind die ständigen Hochs und Tiefs. Du betrittst die Bühne, Adrenalin und Endorphin steigen in den Himmel, die Jecken sind gut drauf, singen und feiern gemeinsam mit dir. Dann musst du klitschnass wieder von der Bühne runter und zurück in den Bus. Dort ist es ruhig, keine Musik, keine Jecken, keine Saalkapelle, kein Tusch. Adrenalin und Endorphin fallen in den Keller und du wirst tierisch müde – aber du musst danach noch sechs Mal auf die Bühne. Es ist vermutlich fast wie eine Droge und viele unserer Kollegen aus der Branche berichten von einer Art Post-Karnevals-Depression nach Aschermittwoch. Das sind dann wahrscheinlich die Entzugserscheinungen.

Wie habt ihr euch in der Session fit gehalten? Ein Ausfall mitten drin ist ja richtig doof – wie so einige Bands in den letzten Wochen erfahren mussten. 
Krank zu werden ist nicht nur für die betroffene Person doof, sondern kann für das ganze Team, also die Band, die Techniker, das Management und so weiter, mittlerweile einen beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden bedeuten. Darum gibt es für alle bis auf den Frontmann, also mich, Ersatzleute, die vor der Session auf die Stücke vorbereitet werden, so dass sie kurzfristig einspringen können. Wir versuchen in der Session natürlich jedes Risiko zu vermeiden: also nicht mit nassen Haaren raus, nach jedem Auftritt und jedem Händeschütteln Hände desinfizieren, keine langen Partys am Abend, regelmäßig Sport und all das. Ich persönlich mache meine eigene Fastenzeit schon in der Session: Von Neujahr bis zum letzten Auftritt an Karnevalssamstag gibt’s für mich keinen Schluck Alkohol, dafür aber regelmäßig Fitnessstudio und Sauna. Wenn man aber – wie ich – Kinder hat, kann es natürlich trotzdem jederzeit passieren …

Andere Kölner Bands haben sich während der Session ja sogar ein komplettes Kölschverbot auferlegt. Ist ganz Miljö so asketisch durch die Säle unterwegs wie du?
Generell muss das jeder für sich selbst entscheiden, denn jeder verträgt Alkohol auch unterschiedlich gut. Viele Veranstalter bringen noch vor der Begrüßung erstmal einen Kranz Kölsch. Das ist eine sehr nette Geste und es fällt leider auch oft schwer, da nein zu sagen. „Ein Kölsch kann man ja trinken“ … aber mach das mal bei sieben Auftritten am Abend! Wir haben als Band die Regel: Beim letzten Auftritt am Abend darf auch schon mal ein Kölsch getrunken werden. Für mich aber gibt’s, wie erwähnt, ganz asketisch keinen Schluck, denn ich merke, dass der Alkohol nicht nur mein Immunsystem kompromittiert, sondern auch mit jedem Kölsch meine gesanglichen Fähigkeiten abnehmen, da ich unkonzentriert werde.

Habt ihr alle eigentlich nach wie vor noch „normale“ Vollzeitjobs und wenn ja – wie regelt ihr das mit den Urlaubstagen für all die Auftritte?
Mittlerweile gehen drei von uns fünf nicht mehr nebenbei arbeiten, zumindest nicht als Angestellter. Ich selbst war bis Ende 2018 noch bei einer Firma in Ehrenfeld angestellt, in der ich jedoch nur einen Tag pro Woche gearbeitet habe. Doch selbst das bekam ich zeitlich leider einfach nicht mehr hin. Max arbeitet derzeit noch bei der BZgA in Braunsfeld, kann sich seine Arbeitszeiten aber zum Glück recht flexibel gestalten. Nils ist mit einer halben Stelle Lehrer an unserer alten Schule (IGS Holweide). Er ist leider fest an seinen Stundenplan gebunden und da kommt es vor, dass er morgens um 8 Uhr vor der Klasse stehen muss, obwohl er erst um 2:30 Uhr im Bett war. Frag mich nicht, wie er das schafft, ich habe keine Ahnung.

Drehen wir die Zeit mal sechs Jahre zurück: Miljö steckt als Band noch in den Kinderschuhen, regelmäßige Auftritte auf den großen Bühnen sind noch weit weg. Nenn mir doch mal bitte zwei Dinge, die heute für Euch als Band ganz normal sind, mit denen Ihr früher nie gerechnet hättet.
(Lacht) Nummer Eins ist ganz klar, dass wir heute Geld mit unserer Musik verdienen. Das hätte sich früher keiner von uns erträumt. Wenn man mit seiner Leidenschaft seine Familie ernähren kann, ist das schon richtig toll. Ansonsten ist es für uns mittlerweile ganz normal, die Kölner Prominenz zu treffen. Denn was das angeht, ist Köln echt ein Dorf. Neben den anderen Bands, die man ständig irgendwo hinter der Bühne trifft, sehen wir auch ab und zu unsere Oberbürgermeisterin oder andere Politiker wie etwa mal den Ministerpräsidenten Armin Laschet und andere.

Und noch ein Blick in die Zukunft, bei dem wir auf die Bläck Fööss schielen: Kannst du dir vorstellen, in einigen Jahrzehnten einen Nachfolger für Deine Position bei Miljö zu suchen, um die Band in die nächsten Jahrzehnte hinüberzuführen?
Wir sind eine „Bandokratie“. Das heißt, dass jeder dasselbe Stimmrecht hat. Wenn ich also mal aussteigen sollte, würde es an den anderen vier liegen zu entscheiden, ob sie die Stelle neu besetzen und weitermachen, oder eben aufhören wollen. Wenn es uns in 40 Jahren noch geben sollte, könnte ich mir eher vorstellen, lieber irgendwann einen Schlussstrich zu ziehen. Miljö ist ja schon sehr an diese fünf Personen gebunden, ähnlich wie Brings. Bei denen könnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass jemand ersetzt wird. Anfangs habe ich auch den Verjüngungsprozess bei den Bläck Fööss mit einem sehr kritischen Auge betrachtet. Ich war der Meinung, dass das dann nicht mehr „meine Fööss“ sind. Mittlerweile glaube ich, dass Pit, Mirko und jetzt zuletzt auch Hanz eine absolute Bereicherung für die Truppe sind. Wichtig ist, dass nach wie vor die Qualität der Musik stimmt.

Fotos: Christine Frank/Daniela Patricia Rösler (Titelfoto)

Das wünschen sich Kölner Promis fürs Jahr 2019

Das Jahr neigt sich dem Ende zu – 2019 steht kurz vor der Tür. Pünktlich zum Jahreswechsel äußert ein jeder Wünsche und Vorsätze: Was soll besser besser werden, was muss sich dringend ändern? Auch Kölner Persönlichkeiten und Prominente haben sich Gedanken gemacht und private Wünsche für sich und unsere Stadt geäußert.

Björn Heuser, kölscher Liedermacher

Björn Heuser //Foto: Uli Grohs

„Ich wünsche mir, dass der Himmel övver Kölle auch im Jahr 2019 auf uns alle aufpasst, für jeden da ist und mehr Sonne, als graue Wolken zeigt. Mehr Miteinander statt Gegeneinander – das wärs! Auf ein gesundes und glückliches neues Jahr.“

 

 

Gaby, Schauspielerin & Komikerin

Gabi Köster //Foto: Stephan Pick

„Nie vergessen: Nichts im Leben ist so beschissen, als dass es nicht für irgend etwas gut wäre!“

 

 

 

 

 

 

Bläck Fööss

Die Bläck Fööss wünschen sich für 2019, dass Köln weiter wie bisher eine weltoffene und multikulturelle Stadt bleibt und hoffen, dass Themen wie z.B. bezahlbarer Wohnraum, umwelt- und menschenfreundliche Städte- und Verkehrsplanung, Sanierung und Erweiterung der Kölner Schulen und Kindertagesstätten sowie besser bezahlte Jobs in Pflege- und Sozialeinrichtungen endlich ganz nach oben auf die Agenda der Stadtpolitik gesetzt werden.

 

 

Jürgen Fenske, Vorstandsvorsitzender der KVB

Jürgen Fenske //Foto: KVB

„Ich wünsche Köln ein friedliches 2019, Respekt vor anderen Meinungen, bürgerschaftliche Zusammenarbeit zum Wohl der Stadt, etwas mehr Gelassenheit und Schonung im Umgang mit unserer Stadt.“

 

 

 

 

 

Miljö

Miljö //Foto: Marie-Christine Frank

„Wir wünschen Köln für 2019 mehr Zusammenhalt, Geselligkeit, Lebensqualität, Freizeit, Kreativität, Diversität, schönes Wetter, aber auch weniger Autoverkehr, dafür mehr Fahrradfahrer und Radwege, weniger Baustellen, Raser, Fremdenfeindlichkeit, AfD-Wähler, Gewalt und Hass. Auf dass wir uns alle ein bisschen weniger ernst nehmen. Prost!“

 

Henriette Reker, Oberbürgermeisterin Köln

Henriette Reker //Foto: Stadt Köln/ Danny Frede

„Die wichtigsten Wünsche für das kommende Jahr möchte ich gleich vorweg schicken: Gesundheit und Glück! Die können wir nur bedingt beeinflussen und ohne die beiden ist das Leben nicht gerade leicht. Noch dazu wünsche ich der notwendigen Zuversicht, der auch über schwierige Situationen hinweg hilft.

In 2019 sind die Kleinsten bei uns ganz groß, denn Köln feiert 30 Jahre UN-Konvention für Kinder- und Jugendrechte. In allen Belangen der Stadt wollen wir den Nachwuchs stärker einbinden und als Experten für die eigenen Belange gewinnen. Gemeinsam mit UNICEF wird Köln im Oktober einen internationalen Gipfel Kinderfreundlicher Städte ausrichten. International wird es aber schon im Januar mit der Herren Handball-WM in der LANXESS arena. Noch mehr Handball gibt es wieder bei dem EHF VELUX FINAL4, das bei uns seinen 10. Geburtstag feiert. Und musikalisch wird 2019 geprägt von einem Sohn unserer Stadt: das Offenbachjahr anlässlich des 200. Geburtstags von Jaques Offenbach bietet abwechslungsreiche Veranstaltungen. Das ganze Jahr über dürfen wir uns wieder auf zahlreiche kulturelle, sportliche und wissenschaftliche Höhepunkte in Köln freuen. Ich wünsche uns allen für 2019 mehr Rücksichtnahme aufeinander, einen respektvollen Umgang miteinander und Zusammenhalt. Das ist etwas, was uns in Köln auszeichnet und wir werden noch mehr Zusammenhalt brauchen, damit unsere Stadt so bunt und offen beliebt, wie wir sie lieben und schätzen. Ihnen und Ihren Lieben besinnliche Feiertage und ein glückliches Jahr 2019!“

Bastian Kampmann, Sänger Kasalla

Bastian Kampmann //Foto: Ben Wolf

„Ich wünsche uns allen für 2019 mehr Optimismus. Mehr Freude. Mehr positives Denken. In den letzten Jahren wurden öffentliche Debatten und Politik immer mit „Nein!“, Angst und Hass geführt. Wie wäre es, wenn wir versuchen, weniger zerrissen gemeinsam die Probleme und Chancen in der Stadt und darüber hinaus anzugehen?“

 

Axel Freimuth, Rektor der Universität Köln

Axel Freimuth //Foto: Simon Wegener

 

„Ich wünsche den Kölnerinnen und Kölnern Glück, Gesundheit und Gelassenheit, ein friedliches und tolerantes Miteinander und dass sie im Jubiläumsjahr ihre Universität ganz neu entdecken.“

 

 

 

 

Guido Cantz, Moderator & Entertainer

Guido Cantz //Foto: Porz Entertainment/ Patrick Liste

„Im neuen Jahr soll es in Köln weniger Staus geben…sowohl im Straßenverkehr, als auch im Rosenmontagszug. Ich wünsche mir: den Aufstieg des FC und dass wir in PORZ nicht vergessen werden. Und eines sollten wir Kölner nicht vergessen: mit einem Lächeln fällt das Leben einfach leichter!“

 

 

 

 

 

Der Herrgott meint es gut mit ihm – Interview mit Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken (67) ist als BAP-Chef und Solokünstler seit Ende der 1970er-Jahre nicht mehr aus der deutschen Rock-Szene wegzudenken. Doch die kölsche Musiklegende wird nicht müde: Sein aktuelles Soloalbum „Reinrassije Strooßekööter“ erreichte im letzten Jahr Platz zwei der Album-Charts. Derzeit tourt er mit BAP live quer durchs Land. Den Tourabschluss feiert die Band am 31. Oktober 2018 im heimischen Palladium. Kürzlich war Niedecken außerdem in einer Doku-Serie für den Sender „arte“ auf Bob Dylans Spuren unterwegs. Alles Gründe genug für Alexander Kuffner aus der Jeckes.NET-Redaktion, sich mit dem Multitalent aus der Südstadt zu unterhalten.

Wolfgang, Dein aktuelles Soloalbum „Reinrassije Strooßekööter“ hast Du in New Orleans aufgenommen. Auf der derzeit laufenden „live & deutlich“ Tour spielt dieses „Familienalbum“ eine große Rolle. Zum einen ist wie auf der Platte auch live eine Blechbläser-Truppe dabei, zum anderen hast Du viele Fotos und Videos der US-Südstaaten ins Bühnenbild eingefügt. Was verbindet Dich so mit dieser Region?
Mein vorheriges Soloalbum „Zosamme alt“ habe ich ja in Woodstock aufgenommen und in New York abgemischt. Die Musiker, mit denen ich damals zusammengearbeitet habe, schwärmten mir dabei ständig von New Orleans vor. Die haben mir echt den Mund wässrig gemacht. So sehr, dass ich mir fest vorgenommen habe, das nächste Soloalbum dort zu produzieren. Dann hat letztes Jahr im Mai alles gepasst und wir sind hin. Und die Jungs haben nicht gelogen: New Orleans ist eine unglaublich schöne Stadt – voller Musik und Humor. Außerdem ein breiter Fluss, Karneval … es gibt schon ziemlich viele Parallelen zu Köln. Die Leute dort sind entspannt, gemütlich und außerdem gibt es tatsächlich überall und immer Konzerte. Ich habe die Zeit dort keine Sekunde bereut. Wir waren alle traurig, als die Aufnahmen beendet waren.

Wolfgang Niedeckens BAP tourt gerade mit Südstaaten-Kulisse durch die Lande. // Foto: Tina Niedecken

Weil die Stadt so toll ist, oder weil es allen so viel Spaß gemacht hat?
Sowohl als auch. Die ganzen Einflüsse dort, der Zydeco, die Cajun-Percussions – das hat sich beim Aufnehmen unglaublich gegenseitig befruchtet. Mit dem Blechbläser-Trio, das derzeit mit auf Tour ist, habe ich schon bei „Sing meinen Song“ zusammengearbeitet und ich bin total froh, dass sie das jetzt möglich machen konnten. Die Einflüsse meiner Soloalben haben BAP übrigens immer gutgetan. Ohne „Reinrassije Strooßekööter“ wären wir jetzt zum Beispiel auch ohne die Drei auf der Bühne unterwegs. Das wäre total schade, weil es ist so dermaßen der Hammer … ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus (lacht).

Das merkt man …
Es kommt noch besser: Eigentlich hatte ich nicht vor, ein Live-Album von dieser Tour zu veröffentlichen. Ich habe sowieso manchmal das Gefühl, ich bringe zu viel raus. Außerdem hätte es mit der ganzen Produktion, dem Abmischen und dem Artwork viel zu lange gedauert, wenn wir das erst im zweiten Tour-Teil aufgenommen hätten. Aber die Fans haben uns förmlich angefleht, eins zu machen. Und dann sagt unser Live-Mixer: „Du, ich hab da ab Köln sieben Konzerte komplett mitgeschnitten, ihr könnt ja mal rein hören.“ Das haben wir natürlich gemacht, und was soll ich sagen: Das zweite Konzert im Münchener Zirkus Krone war dermaßen entspannt und es hatte trotzdem eine unglaubliche Dynamik… Kurz: Am 2. November erscheint „Live&Deutlich“ (lacht).

Was fasziniert Dich so an den USA?
Ich bin ja jemand, der mit einem großen Fernweh gesegnet wurde. Ich reise unwahrscheinlich gerne, und das wird auch nie aufhören. Was die USA angeht, kommt von dort halt die Musik, die mich fasziniert. Denn auch wenn es über den Umweg der britischen Bands gegangen ist, stammt Rock – genauso wie Blues und Jazz – letztlich aus Amerika. Die Wurzeln liegen allerdings in Afrika, die haben die Sklaven mitgebracht. Einer meiner größten Einflüsse ist außerdem bekanntermaßen Bob Dylan. Ohne ihn wäre ich niemals ein Songwriter geworden.

Daher auch Deine vielbeachteten Doku-Serie, in der Du auf den Spuren Bob Dylans quer durch Amerika unterwegs warst. Wolfgang Niedecken macht eine TV-Serie: Das war ja ein eher ungewöhnliches Projekt …
Hannes Rossacher von der DoRo-Filmproduktion hatte mich schon vor längerer Zeit angesprochen, ob ich nicht Lust darauf hätte. Und als Dylan dann den Literatur-Nobelpreis verliehen bekommen hat, fand sich tatsächlich auch ein Fernsehsender für die Serie. Schließlich sind wir dann im September und Oktober 2017 in den USA gewesen und haben das gemacht. Vorher habe ich mich zwei Wochen auf Kreta vergraben und intensiv vorbereitet, also ausschließlich Dylan gehört und gelesen sowie die Route ausgearbeitet. So war ich letztes Jahr dann tatsächlich zweimal beruflich in New Orleans: im Mai für das Familienalbum und im Oktober auf Dylans Spuren. Wenn vom Hannes noch andere Ideen für einen Mehrteiler in dem Stil kommen – also ich wär dabei! Nicht das mir noch langweilig wird (lacht).

Deine Dylan-Reise hat mich ein bisschen an Doku-Serie „Sonic Highways“ von Dave Grohl („Foo Fighters“, „Nirvana“) erinnert. In den acht Folgen reist er darin mit den Foo Fighters durch Städte in den USA und geht der lokalen Musikgeschichte dort auf den Grund.
Ja, kenne ich. Großartige Serie. In New Orleans haben wir sogar am selben Ort gedreht, in dem Grohl eine Folge seiner Serie gemacht hat – der Preservation Hall. Ein ganz uriger und kleiner Jazzschuppen mit einer tollen Geschichte.

Könntest Du Dir eigentlich vorstellen, in ein paar Jahren komplett in die Staaten rüber zu machen?
Nee. Ich könnte mir generell eher vorstellen, irgendwo ein Haus auf einer Insel zu haben und dort ein bisschen halblang zu machen. Es ist schon sehr viel Arbeit, wenn so viele interessante Sachen passieren und man immer mitten drinsteckt. Ich müsste eine Möglichkeit und einen Ort finden, an dem ich ein bisschen innehalten könnte. Ich bin eben ein Überzeugungstäter und kann schlecht „nein“ sagen, wenn mich was interessiert.

Und jemand, der gerne alles selber in die Hand nimmt …
Ich sag mal so: Ich arbeite ja mit super Leuten zusammen. Die Band ist fantastisch. Man kann sich aufeinander verlassen. Aber völlig klar bin letztlich ich derjenige, der final entscheidet. Trotzdem höre ich mir alle anderen Meinungen an. Zum Beispiel würde ich den Teufel tun, einen Song auf die Setlist zu packen, von dem ich weiß, dass einer der Musiker ihn nicht ausstehen kann. Ich bin kein Despot. Aber einer muss am Schluss entscheiden. Ansonsten, das haben wir vor vielen Jahren bei BAP schon mal gehabt, endet das in einer „Demokratur“.

2017 drehte der Kölner Musiker eine TV-Serie über sein Vorbild Bob Dylan. // Foto: Tina Niedecken

Wieso kam es eigentlich noch nie zu einer US-Tour von BAP?
Ach, das hätte doch keinen Zweck. Wenn du in Amerika spielst, gelten ganz andere Geschäftsbedingungen. Da in kleinen Clubs rumzutingeln und höhere Reisekosten als Einnahmen zu haben, macht keinen Sinn und rechnet sich nicht. Es sei denn, man macht so was zusammen mit einem deutschen Sponsor. Einer Firma, die viele Mitarbeiter in den USA hat oder so. Aber da habe ich wirklich noch nie drüber nachgedacht. Das wäre ganz schön, doch am Ende nur jet für d’r Spaß.

Du bist seit langem mit Bruce Springsteen befreundet, seht ihr Euch oft?
Relativ lange schon nicht mehr. Irgendwie waren wir in der letzten Zeit beide immer gleichzeitig auf Tour, sodass es nie geklappt hat. Aber das nächste Treffen kommt bestimmt. Es läuft immer gleich ab: Wir sitzen in der Garderobe und unterhalten uns, irgendwann kommt jemand rein uns sagt „Bruce, Du musst raus“. Und dann fragt er meistens: „Ja, was ist jetzt, spielste einen mit?“ (lacht). Das ist dann in der Regel „Hungry Heart“, manchmal aber auch ein anderer Song. Wie dessen Akkorde gehen, erfahre ich dann auf dem Weg zur Bühne (lacht).

Von Amerika aus in die norddeutsche Tiefebene: Ende August war BAP bei der zweiten Auflage von „Werner – Das Rennen zu Gast“. Schon vor 30 Jahren wart ihr bei diesem riesigen Festival in Hartenholm dabei: Wie war die Zeitreise zurück in die 80er?
Wir haben einen unfassbaren Spaß gehabt. Ich war beeindruckt, wie friedlich und entspannt das da war. Unheimlich viele Hardrocker, die auch eine BAP-Vergangenheit haben, waren dort, ich wurde ständig nach einem Selfie gefragt (lacht). Wir haben eindreiviertel Stunden gespielt und hatten bis auf zwei Balladen nur Dinger im Programm, die auch abgehen. Vor 30 Jahren standen wir ja erst mitten in der Nacht auf der Bühne, so gegen zwei Uhr. Damals haben wir mit einer improvisierten Version von „Born to be Wild“ angefangen. Die Leute sind so abgegangen, danach hätten wir Hänschen klein rückwärts spielen können. Unser damaliger Roadie Kalau hat mitgesungen. Und als er hörte, dass das Festival im August quasi wiederholt wird, hat er mich angerufen und gefragt, ob er wieder dabei sein darf. Also haben wir es fast genauso gemacht wie vor 30 Jahren und „Born to be Wild“ gebracht, diesmal allerdings nicht als Opener mit Kalau im Duett, aber es war trotzdem der Knaller.

Anfang des Jahres habe ich Tommy Engel gefragt, warum noch niemand ein kölsches Festival über ein gesamtes Wochenende organisiert hat. Fand er auch sonderbar. Wärst Du dabei?
Ein richtiges Wochenend-Festival wie „Rock am Ring“ nur mit kölschen Bands? Puh … Ich glaube, so etwas würde an ganz vielen kleinen Befindlichkeiten scheitern. Da bin ich zu alt für. Aber wenn jemand so etwas anfragen würde, käme ich schon ins Überlegen. Wahrscheinlich hätte ich aber ein Problem damit, dass es zu karnevalslastig würde. Andererseits gibt es da auch Kollegen wie die Bläck Fööss, LSE, Köster/Hocker … klar könnte man da was machen. Aber sobald es mit der üblichen kölschen Besoffenheit losgeht, bin ich auch schon wieder draußen. Ich gönne jedem Kölner Musiker seinen Erfolg, aber das kann ich einfach nicht mit meinem Geschmack vereinbaren.

Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielen würden, was wäre der größte Wunsch, den du dir gerne noch mit der Band erfüllen würdest?
Gute Frage, da muss ich echt mal überlegen … (denkt lange nach)

Das klingt nach einem erfüllten Musikerleben, wenn einem da nichts einfällt.
Na ja, wir haben ja auch schon eine ganze Menge tolle Sachen gemacht. Aber ich hätte da was: Mit allen ab nach Afrika. Schauen, was dort abgeht, sich von der Musik beeinflussen lassen und dann aufnehmen. Es macht so viel Spaß, mit Musikern aus einer ganz anderen Richtung zusammenzuspielen und alles in respektvoller Form verschmelzen zu lassen.

Apropos andere Richtung: Kennst du eigentlich die erfolgreiche südkoreanische Boyband B.A.P.?
(Lacht) Die taucht immer wieder im Internet auf, wenn du nach irgendetwas über BAP suchst, ja. Aber ich habe noch keinen Ton von denen gehört. Die einzige Boyband, die ich jemals gut fand, waren die Beatles. McCartney ist immer noch großartig, der macht einfach so lange weiter, bis er umfällt. Seit Jahrzehnten hat der Kohle und ein Repertoire bis zum Abwinken und macht trotzdem immer weiter neue Sachen. Diesen Gestaltungswillen finde ich großartig. Andere Künstler geben sich damit zufrieden, anderthalb Stunden einen Hit nach dem anderen zu spielen und fertig.

Auch Du könntest Dich auf „Best-of“-Konzerte beschränken …
Klar, logisch. Aber ich finde immer wieder einen neuen Weg. Diese Soloplatten zum Beispiel, warum mache ich die überhaupt? Weil ich mit meinem Repertoire respektvoll umgehen möchte. Ich habe halt diesen Gestaltungswillen. Es gibt so viele Stücke im Verborgenen, aus denen man ein Themenalbum machen kann. „Zosamme alt“ habe ich 2013 für meine Frau aufgenommen. „Stroßekööter“ im letzten Jahr war für meine Familie. Und wenn es zu einem weiteren kommt, werde ich den Zoom thematisch noch etwas weiter aufziehen. Die Idee dazu hab ich auch schon, aber die verrate ich nicht (lacht). Irgendwann, wenn dä Herrjott et zolöht, wird das angegangen.

Der war schon mal gnädig mit Dir, das kann er ja ruhig weiter sein.
Eben. „Dä Herrjott meint et joot met mir“, so heißt nicht ohne Grund ein Song auf „Lebenslänglich“.

Titelfoto: Photogroove

Kempes Feinest: „Wir sind auf Klamauk gebürstet!“

Jeder, der kölsche Tön liebt, sollte längst Wind von Kempes Feinest bekommen haben. Die fünfköpfige Band fand sich 2014 zusammen und gehört zur „neuen Generation“ des Kölner Karnevals. Im Mittelpunkt steht Frontfrau Nici Kempermann. Der 30-Jährigen liegt Jecksein im Blut. Kein Wunder: Ihr Vater ist kein Geringerer als der ehemalige Rabaue-Frontmann Peter „Kempes“ Kempermann, der Bandname eine Hommage an ihn.

So war für die gebürtige Kappellenerin schnell klar, dass sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten möchte. Ihre Bandmitglieder Tom Ederer, Victor Gonzales, Thomas Gwosdz und Vincent Themba suchte sie sich „nach und nach aus dem Dunstkreis der Kölner Musiker zusammen“, wie sie im Interview mit Jeckes.NET erklärt. Ihre Musik? Abwechslungsreich! Rockig, poppig oder ruhigere Töne. Und das alles – natürlich – op Kölsch. Langeweile kommt im Band-Alltag nie auf. Die Musiker bezeichnen sich selbst als positiv bekloppt: „Wir sind auf Klamauk gebürstet!“

2015 spielten Kempes Feinest ihre erste Karnevals-Session und im Februar 2018 feierten sie den ersten großen Meilenstein: ihren ersten Auftritt in der „Lachenden Kölnarena“. „Da hatte man schon Pipi in den Augen. Das war unfassbar“, blickt Frontfrau Nici freudestrahlend zurück.

Kempest Feinest macht es „Op die janz fiese Tour“

In der vergangenen Session 2018 kam die Band mit Hits wie „Wenn du nit danze kanns“, schon auf rund 250 Auftritte. Kein Grund, im Sommer kürzer zu treten: Derzeit geht es für Kempes Feinest auf eine kleine Tournee. „Op die janz fiese Tour“ um genau zu sein.

Kempes Feinest wollen mehr, als nur eine Karnevalsband sein. //Foto: Kempes Feinest Galerie-Fanclub

„Wir sind eine kölsche Band und keine Karnevalsband. Wir wollen die Leute überzeugen – nicht nur vom 11.11 bis Aschermittwoch, sondern das ganze Jahr. Wir werden zwei Stunden alles geben“, verspricht Gitarrist Tom.  Zwei Konzerte haben sie schon gespielt. Beim dritten geht’s am 12. Juli aufs Bootshaus, genauer gesagt dem Achterdeck (Oberländer Ufer) in Kölner Süden. Es wird das größte der insgesamt fünf Konzerte der Gruppe – bis zu 500 Leute haben hier Platz.

Eine große Besonderheit gibt es bei jedem Gig der Sommer-Tour: Zu den einzelnen Konzerten sind jeweils zwei Gäste geladen. Diese bekannten Musiker aus anderen (kölschen) Bands performen zusammen mit Kempes Feinset einen ihrer Songs, sowie einen eigenen. Am 12. Juli dürfen sich Besucher auf Mike Kremer von Miljö sowie Micky Nauber von den Domstürmern als Gäste freuen.

Lust bekommen? Weitere Termine der Tour sind der 10. August und der 14. September.
Karten könnt ihr hier kaufen.

 

 

Tommy Engel im Interview: Kölle, Fööss & Festivals

Auf „Dat Kölsche Songbook“ hat Tommy Engel (68) seine ganz eigenen Perlen der kölschen Musik sowie einen Welthit versammelt und dabei in ein völlig neues musikalisches Gewand gekleidet. Derzeit ist er mit Jürgen Fritz (Klavier und Orgel), dem früheren BAP-Gitarristen Helmut Krumminga, Hans Maahn am Bass und Alex Vesper am Schlagzeug unterwegs, um diese Songs und mehr live zu präsentieren. Anlass genug für Jeckes.NET, mit dem Kölner Urgestein über Gott und die Welt – und natürlich kölsche Musik – zu plaudern.

Tommy, dein „Kölsches Songbook“ sammelt Perlen des kölschen Liedguts aus den vergangenen Jahrzehnten. Aber welche Perlen hat die Domstadt selbst in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht? Was hat sich in Köln zum Guten, was zum schlechten verändert?
Ach, weißte (lacht) … Ich war kürzlich in Dresden und muss sagen: Da ist sehr viel passiert. Ich bin aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen und habe mich gewundert, wie schön man eine Stadt machen kann. Dabei haben allerdings schon die Preußen mitgeholfen, indem sie große Plätze erlaubt haben, die Köln heute fehlen. Köln hat schlechte Karten, weil es dörflich angelegt ist. Selbst die Neustadt ist nicht unbedingt großzügig gestaltet – bis auf die Ringe. Dann die ganzen Fehler in den 1970ern … Die Stadt ist größtenteils einfach nicht schön. Wer das behauptet, hat nur den Blick von Deutz über den Rhein auf die Altstadt im Kopf. Wenn wir den Fluss nicht hätten, wären wir sowieso arm dran. Aber: Wir Kölner sind glücklich mit dem was wir haben. Das ist unsere Heimat und wir machen das Beste draus. Vielleicht ist das die Perle: Die Kölner selbst und ihre Liebe zu ihrer Stadt.

Was ist für Dich der beste kölsche Song aller Zeiten? Es darf auch ein eigener sein!
Puh, das ist schwer. Da gäbe es so viele zu nennen. Tolle Lieder gibt es etwa von Gerd Köster. „Ze vill Jepäck“ zum Beispiel, das ist ja auch auf meinem Songbook drauf. Wolfgang Niedecken hat wunderschöne Songs geschrieben … „Do kanns zaubere“ ist einer der Besten von ihm. Es gibt herrliche Sachen von Willi Ostermann, aber so weit nach hinten möchte ich gar nicht gehen, da wird man ja nie fertig. „En unserem Veedel“ von den Fööss ist auch so ein zeitloses Ding. Eigentlich hätten wir danach aufhören können (lacht). Ach nee … ich kann mich nicht entscheiden. Das ist wirklich ein Luxusproblem. Man kann sich glücklich schätzen, dass es einen so großen Fundus gibt.

Ist gerade mit seinem „Kölschen Songbook“ auf Tournee: Tommy Engel // Foto: Alexander Kuffner

Du hast vor sechs Jahren in einem Interview erzählt, dass der bekannte Kölner Musikproduzent Conny Plank mal zu dir gesagt hat: „Ich möchte Dich, Arno Steffen und Hans Süper ins Studio sperren und die Türe abschließen. Und dann lasse ich ein Band laufen. Entweder habt ihr euch am nächsten Morgen die Köpfe eingeschlagen oder es ist eine komplette CD entstanden.“ Wahrscheinlich habe Conny Recht gehabt, hast du darauf gemeint. Und dass man das mal versuchen müsste, bevor alle ableben. Wann ist es denn soweit?
(Lacht) Ja, dass wär ein Ding. Wenn da jemand auf mich zukäme, würde ich auf keinen Fall „Nein“ sagen. Der Hans und der Arno, das sind schon richtig gute Leute. Aber vielleicht bräuchten wir da einen Kapitän, der uns währenddessen aus den Untiefen herausholt. Ich habe da nach wie vor kein Problem mit der Idee …

Kölsch zu sprechen gilt nicht mehr unbedingt als „asi“ wie noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Ich habe den Eindruck, es wird wieder ein wenig schicker, auch bei den Jüngeren. Vielleicht nur einige Ausdrücke und hauptsächlich zu Karneval, okay. Findest Du das gut? Oder besser ganz oder gar nicht?
Ich glaube auch, dass Kölsch mittlerweile wieder ein bisschen in Mode ist. Ich meine nicht die Bands, sondern deren Zuhörer. Viele sprechen es nicht, aber singen es wenigstens. Klar, das ist in jedem Fall besser als gar nix. Wir müssen allerdings darauf achten, die Sprache nicht zu sehr zu verdrehen. Natürlich ändert sich eine Muttersprache laufend. Aber es gibt ganz gewisse Dinge, die dürfen sich nicht ändern, sonst sind sie schlicht falsch und man hängt sprachlich in Eschweiler oder Düsseldorf. Wer nicht wirklich mit dieser Muttersprache aufgewachsen ist – und das sind ja nicht mehr viele – der muss sich eben orientieren. Ich empfehle da immer den „Neuen kölnischen Sprachschatz“ von Adam Wrede. Da fühle ich mich bestens aufgehoben. Wrede hat zum Beispiel den Buchstaben „G“ komplett eliminiert. Die „Akademie för uns kölsche Sproch“ sieht viele Sachen anders, das stimmt in meinen Augen oft nicht. Und ich habe einen eingebauten „Falsch-Kölsch-Detektor“, das hat Arno Steffen mal gesagt (lacht). Tatsächlich kann ich hören, ob jemand von der linken oder von der rechten Rheinseite stammt.

Du hast sie schon angesprochen: In den letzten zehn Jahren sind viele neue kölschen Bands aufgetaucht …
So ist es. Ich kenne viel davon, auch wenn ich mir nicht alles anhöre. Ich bin schließlich der alte Käse und das sind alles junge Holländer. Viele der jungen Bands würden allerdings bei einem Palaver unter alten Kölschen in der Südstadt in Grund und Boden jeschwadt. Ich will das aber nicht überdramatisieren oder jemandem weh tun. Die meisten Songs finde ich trotzdem Klasse!

Wäre es nicht mal an der Zeit für ein kölsches Festival? Nicht „Jeck im Sunnesching“, nicht „Die lachende Kölnarena“, kein Karneval – ein echtes Sommer-Open Air an zwei, drei Tagen mit Zelten und zehntausenden Zuschauern. Zum Abschluss die große Reunion der Bläck Fööss nur für diesen einen Tag und ein „Arsch huh“-All Stars Konzert. Das wäre doch ein Träumchen …
Da hast du vollkommen recht. Keine Ahnung, warum das bisher niemand gemacht hat. Ich wär dabei, schieb das doch mal an (lacht)! Damit würde man auf jeden Fall genug Leute locken können. Allerdings muss man natürlich erst mal alle Bands zusammen bekommen, das ist nicht gerade einfach und erst recht nicht billig. Trotzdem dürfte nicht so viel Eintritt verlangt werden. Das müssten sich auch Familien problemlos leisten können. Wäre auch toll, wenn man sich selbst verköstigen dürfte.

Die Runderneuerung der Bläck Fööss ist in vollem Gange – in zehn Jahren oder so wird vielleicht eine völlig neue Band auf der Bühne stehen. Hältst du das für eine gute Idee?
Ich glaube das ist eine Frage des Standpunkts – eben ob man in der Band spielt oder danebensteht. Ich bin da geteilter Meinung. Manchmal ist es gut, wenn man sagt „Das war es jetzt“. Dann sind wir alle kölsche Legenden und fertig. Andererseits ist da sicher immer noch die Leidenschaft, gepaart mit einem gesunden Erwerbssinn. Das ist auch gut so. Man kann natürlich damit leben und alt werden. Ein Gerhard Richter etwa malt mit seinen 86 Jahren auch immer noch. Das macht der nicht wegen des Geldes, sondern weil er Lust drauf hat. So etwas ist der pure Luxus als Künstler. Oder guck dir die Stones an – wenn ich den Charlie Watts am Schlagzeug sehe denke ich immer, die haben einfach Spaß. Warum soll man dann aufhören? Entscheidend ist allerdings immer, welche Songs komponiert werden. Daran muss sich jeder messen lassen, damit steigt oder fällt auch die Marke Bläck Fööss in Zukunft. Die neuen Leute werden sicher da reinwachsen. Den Pit Hupperten, den neuen Gitarristen, haben wir ja in unserer Band sieben Jahre gut angelernt (lacht).

Tommy Engel: „Ein kölsches Festival: Das wär doch mal was!“ // Foto: Alexander Kuffner

Mal angenommen, du hättest dich 1994 nicht von der Band getrennt: Würdest du heute noch mit den Fööss auf der Bühne stehen oder hätte dich bereits jemand ersetzt?
Och Jott, über die Frage müsste ich mal eine Woche lang nachdenken. Das kann ich so nicht beantworten, ist mir zu hypothetisch. Was die Trennung damals angeht, das war … Nein, ich versuche es mal so: Ein Essen muss schmecken. Da kannst du so toll kochen, wie du willst. Und Musik muss Spaß machen – nicht nur dir selbst, sondern auch in der Gemeinschaft mit einer Band. Wenn man aber merkt, dass es mit den Leuten zusammen nicht mehr geht, dann muss man das akzeptieren. Die Harmonie in einer Band muss stimmen. Dann ist da noch die Frage, ob man mit der Musik einverstanden ist. Das war ich bei den Fööss nicht immer. Manche Lieder wollte ich einfach nicht singen, das ging nicht. „Moni hat geweint“ zum Beispiel. Ich habe gesagt, dass das keine Nummer für mich ist und die viel besser zu Bömmel passen würde. Trotzdem gab es ein großes Palaver. Am Ende hat Bömmel die Nummer trotzdem gesungen und es hat wunderbar funktioniert. Dann wurde aber nicht gesagt „Mensch Tommy, haste Recht gehabt“, oder so. Ich brauche jetzt nicht ständig Schulterklopfer. Trotzdem wäre es manchmal schön gewesen, mehr positives Feedback zu bekommen. Aber ich will jetzt nicht alles wieder hochholen. Du siehst: Das Thema Bläck Fööss ist für mich nie abgehakt. Rolf Lammers hat mal gesagt: „Einmal ein Fooss immer ein Fooss“. Da ist auch was dran. Ich gucke immer noch, wie und was bei denen läuft. Die Band war wie ein Kind, dass ich mit aus der Taufe gehoben habe. Und durch die ganzen alten Sachen ist man bei den Leuten ja nach wie vor als Sänger im Kopf.

Kannst du dich eigentlich daran erinnern, wann du zuletzt so richtig Karneval gefeiert hast?
So richtig nicht. Das muss Anfang der Neunziger gewesen sein. Ich bin früher immer an Karnevalsdienstag mit den „Sülzer Jonge“ durch die Kneipen gezogen. Wir hatten so einen Trömmelchenverein und sind damit in unseren blauen Jacken trommelnd losgezogen.

Stand Tommy Engel da in der Kneipe und hat seine eigenen Lieder mitgesungen?
Ja klar. Aber ich war einer von den „Sülzer Jonge“, nicht der Tommy Engel von den Fööss. Da wurde eben mitgespielt und gesungen, was aus der Musikbox kam.

Bist du musikalisch in einer bestimmten Zeit „hängengeblieben“, oder hörst du auch aktuelle Musiker und Bands?
Ich höre für einen Musiker eher selten Musik. Und wenn, dann hab ich mein Sammelsurium immer dabei (holt sein Smartphone heraus). Im Grunde genommen ist da alles drauf, was man haben muss (scrollt durch seine Musikdateien). Oh, hier: Albano und Romina Power (lacht). Keine Angst, das ist nur „Felicita“, das haben wir mal für den „Weihnachtsengel“ gemacht. Ansonsten Dire Straits, Dolly Parton, Elvis Costello, Eric Clapton, Frank Sinatra, U2, Sting, Gerd Köster nicht zu vergessen. Aber auch Joe Cocker, Kraftwerk, natürlich alles von LSE und Willi Ostermann als Lexikon zum Nachhören, dazu Pink Floyd, Queen, Miles Davis … manchmal bin ich in einer Stimmung, da brauche ich einfach Miles Davis …

Ich sehe wenig Modernes.
Ja, da hast du wohl recht. Davon abgesehen kann ich sowieso nur Musik hören, wenn ich mich voll darauf konzentriere. Dann setze ich mich in meinem Wintergarten und höre intensiv zu. Da kann dann schon mal ein Karlheinz Stockhausen laufen, den ich auch bis zum Schluss durchhalte. Musik darf weh tun, muss es manchmal sogar. Jedenfalls mache ich nichts nebenher. Viele können ja nebenbei ihre Lala laufen lassen oder brauchen das sogar. Für mich ist das nichts, entweder ganz oder gar nicht. Ich bin auch noch nie bei einem Film eingeschlafen. Wenn mir was nicht gefällt, mache ich es aus oder gehe.

Tour-Termine

Tommy Engel ist momentan viel im Rheinland unterwegs, zum Beispiel am 20. April in Köln-Chorweiler (Bürgerzentrum), am 21. April in Troisdorf (Zur Kütz/Ausverkauft), am 28. April in Wipperfürth (Alte Drahtzieherei), am 8. Juni in Bergisch Gladbach (Konrad Adenauer Platz), am 9. Juni in Brühl (Rathausinnenhof/Ausverkauft) und vom 31. August bis zum 9. September an sechs Abenden in der Volksbühne am Rudolfplatz.

Viele weitere Termine und Tickets unter diesem Link.

Ein Popolski ausser der Rand und der Band

Der Familie Popolski steht seit einiger Zeit nicht mehr gemeinsam auf der Bühne. Familienoberhaupt Pawel Popolski alias Achim Hagemann (51) aber schreibt die Geschichte seiner berühmten Sippe fort und ist seit geraumer Zeit (fast) solo mit Polka und neuen Unglaublichkeiten rund um die Erfindung des Pop unterwegs. Mit seinem Programm „Außer der Rand und der Band“ tourt er aktuell auch in und um Köln.

Hagemann, der Anfang der Neunziger mit seinem Comedy-Partner Hape Kerkeling und der Sendung „Total Normal“ TV-Geschichte schrieb, ist aber noch mehr als „nur“ der Vorzeige-Pole der Nation. Was man in seiner Show erwarten darf, was der Komponist und Autor noch so auf dem Kasten hat und ob es vielleicht mal ein gemeinsames Comeback mit Hape geben wird – über all das sprach er mit Jeckes.NET.

Foto: Stephan Pick

Achim, der Familie Popolski hat sich vor vier Jahren getrennt – obwohl alles gut lief und ihr immer beliebter wurdet. Was war der Auslöser?
Wir alle wollten nach der langen Zeit als Popolskis auch wieder eigene Projekte verfolgen. So toll alles war, war es auch sehr zeit- und kräftezehrend. Viel Raum für andere Dinge blieb keinem von uns. Ich persönlich wollte auch in Ruhe mein Buch über die Popolskis schreiben und wieder mehr komponieren. Außerdem: Janusz, die trübe Tasse, und Dorota sind ja auch in meinem Solo-Programm dabei.

Eben, du bist weiterhin als Pawel Popolski unterwegs. Also hat dich nicht das Konzept beziehungsweise die Idee an sich ermüdet, sondern der Tour-Zirkus?
Ja, das ist so. Ich habe zwischendurch ständig am Programm gefeilt, wir haben viel geprobt, sind sehr oft getourt – das ist ein hoher zeitlicher Aufwand. Anderes kommt da zwangsläufig ein bisschen kurz. Mit zwölf Musikern und zehn Technikern war das schon ein ordentlicher Tross, der da immer unterwegs war. Und ich war nicht nur in der Rolle des Pawel das Familienoberhaupt, sondern auch derjenige, der in Wirklichkeit die Schäfchen zusammenhalten musste. Das war wie eine dauerhafte Klassenfahrt mit mir als Lehrer.

Was passiert denn nun in der Solo-Show von Pawel, was dürfen die Zuschauer erwarten?
Viel Musik und Polka natürlich. Ich habe mein Schlagzeug dabei und das vielfach unterschätzte Orchesterinstrument Kesselpauke. Dorota hat ihre Gitarre im Gepäck und wir erzählen viel neues und unglaubliches aus der Welt von Opa Popolski und seinen wegweisenden Kompositionen. Außerdem gibt es neue Enthüllungen, die der wenigsten wussten. Oder kennst du etwa das alte polnisches Kulturvolk der Mayek? Sie haben schon vor 2000 Jahren auf den Tag genau eine Katastrophe vorhergesagt: die erste Single von Dieter Bohlen. Wir singen und schunkeln gemeinsam mit dem Publikum und die vom Polkaüberwachungsverein (PÜV) vorgeschriebenen Wodka-Pausen werden natürlich auch eingehalten.

Ich will mal einen gewagten Vergleich ziehen. Dave Grohl, auch Schlagzeuger wie du, stieß Anfang der Neunziger – also während deiner „Total Normal“-Phase – zu einer Band namens Nirvana. Mit ihr wurde er drei Jahre zum Superstar bis zum Tod ihres Frontmanns Kurt Cobain. Später gründete er dann die Foo Fighters – heute einer der größten Rockbands der Welt und nach Grohls eigenem Bekunden sein Lebenswerk. Du gründetest nach deiner sehr erfolgreichen aber recht kurzen TV-Zeit Der Familie Popolski … dein Lebenswerk?
Es ist auf jeden Fall das Projekt, auf das ich am meisten stolz bin. Insofern stimmt dein Vergleich. Am Anfang hat keiner auf uns gewartet, die Veranstalter wollten uns einfach nicht. Da haben wir uns entschlossen, auf die Ochsentour zu gehen und durch so viele Clubs zu tingeln wie nur möglich. Da waren auch Abende wie in Essen dabei, wo wir in einem kleinen Laden vor fünf Leuten gespielt haben. Es ist für einen Musiker die Horrorvorstellung schlechthin, mehr Leute auf als vor der Bühne zu haben. Fünf Jahre später füllten wir in Essen die Grugahalle und hatten 5000 Zuschauer. Auf einen solchen selbst erarbeiteten Erfolg darf man schon stolz sein.

Viele kennen dich nur von früher, als Partner von Hape Kerkeling, und als Popolski-Macher. Dabei bist du auch als Komponist sehr beschäftigt. Nenn doch mal dein paar Projekte, an denen du in letzter Zeit gearbeitet hast, damit der Leser mal einen Überblick über deine Bandbreite bekommt.
Okay. Die Musik für das „Kein Pardon“-Musical, dass gerade übrigens erfolgreich in Leipzig läuft, stammt komplett aus meiner Feder, das ist die Bühnenversion von Hapes Kinofilm aus den Neunzigern. Dann haben ich die Titelmelodie von „Maischberger“ zusammen mit Anette Humpe komponiert. Aktuell durfte ich am neuen Album von 2Raumwohnung mitschreiben und an vier Stücken der neuen Platte von Max Raabe mitwirken, was mir eine besondere Ehre war. Max` neue Single „Fahrrad fahr`n“ etwa stammt von mir.

Wie ist es mit Max Raabe zu arbeiten? Irgendwie kann man sich kaum vorstellen, dass der Mann auch albern sein kann …
Oh, Max kann unglaublich albern sein! Es war eine tolle Zusammenarbeit. Das fing vor etwa anderthalb Jahren an, als ich ihm eine meiner Songideen im Auto vorgesungen habe. Er fand es gut und nach und nach kamen weitere Ideen dazu. Mit Max gemeinsam zu schreiben beginnt immer nachmittags bei Kaffee und einem Stück Streuselkuchen. Das ist eines seiner typischen Rituale. Wir hatten ein paar solcher Treffen und wirklich viel Spaß zusammen. Die Terminfindung war nicht immer ganz einfach, da sowohl er als auch ich nun einmal oft auf Tournee sind.

Foto: Stephan Pick

Am 12. März wird zum zweiten Mal der Comedypreis „Recklinghäuser Hurz!“ in deiner Heimatstadt verliehen – mit dir als Präsidenten. All das nur, weil du und dein Freund Hape mit Mitte 20 vor über einem Vierteljahrhundert eine bekloppte Idee hattet, die dann auch noch gesendet wurde. Macht das mit Anfang 50 zufrieden?
Auf jeden Fall! Ich finde es toll, dass die Leute sich heute immer noch an diesen Sketch erinnern können. Mich nervt es überhaupt nicht, wenn ich darauf angesprochen werde. Dazu kommt ja, dass wir damals wirklich Überzeugungsarbeit leisten mussten. Die Idee wanderte bei Radio Bremen, das „Total normal“ produzierte, von Stapel zu Stapel. Moderne klassische Musik war ihnen als Thema wohl zu heikel. Aber irgendwann haben wir es zum Glück durchziehen dürfen und keiner hätte wohl gedacht, dass wir heute noch darüber sprechen und es jetzt sogar einen Preis namens „Hurz!“ gibt. Den bekommt in diesem Jahr übrigens Helge Schneider verliehen, den ich sehr verehre.

Dein Grundschulfreund Hape hat sich in den letzten Jahren medial zurückgezogen, aber ihr habt sicher immer noch guten Kontakt. Gab es da nicht mal eine bierseelige Idee, vielleicht doch noch einmal gemeinsam was fürs Fernsehen auf die Beine zu stellen? Und wenn auch nur für eine Show? Die Sender würden euch doch die Füße küssen …
Wir haben natürlich noch sehr guten Kontakt und tatsächlich auch einmal über neue Ideen geredet, aber da ist noch nichts spruchreif. Ansonsten fühlt Hape sich glaube ich ganz wohl in seinem Vorruhestand.

Vorruhestand ist gut – das haben schon andere versucht, Stefan Raab zum Beispiel. Nach zwei Jahren zieht es ihn jetzt auch wieder in die Öffentlichkeit, zumindest auf die Bühne.
Sicher, man weiß ja nie, aber es läuft wohl alles gut bei ihm, wie es so gerade ist, Außerdem wird Hape sicherlich weiter schreiben, das hört ja nicht auf.

Die Idee, über die du nicht sprechen möchtest, hat aber nichts mit einer Leinwand zu tun, oder?
(Lacht) Ich, also … nein, kein Kommentar.

Für Dich gibt es ja auch noch genug mit der Popolski-Soloprogramm zu tun. Was meinst du, trägt diese Familie dich bis zum Ruhestand?
Ich glaube sogar, dass die Idee über meine Rente hinaus tragen kann (lacht). Es gibt genug Material: Alleine alle Popsongs der letzten 50 Jahre! Und all die zeitgeschichtlichen Ereignisse, von denen niemand weiß, dass sie in Wahrheit auf die Polen zurückgehen. Nimm alleine die Mondlandung: die Polen waren eine halbe Stunde vor den Amerikanern oben, das wissen der wenigste! Ach, die Popolskis laufen jetzt seit 15 Jahren, warum nicht weitere 15 Jahre oder länger? Es gibt ja auch noch genügend jüngere Familienmitglieder, die irgendwann das Zepter übernehmen könnten.