Sauna statt Kölsch: So haben Miljö die Session gemeistert

In diversen Schülerbands auf der Schäl Sick fing vor vielen Jahren alles an. Doch erst, als die fünf Freunde vor gut sechs Jahren Miljö aus der Taufe hoben, wurde die Domstadt auf sie aufmerksam. Dann das Umland. Und inzwischen kennt längst nicht mehr nur jeder Jeck die Band. Mit „Sulang die Leechter noch brenne“ wurden sie richtig bekannt, mit ihrem „Wolkeplatz“ berühmt und seit sie in der letzten Session „Kölsch statt Käsch“ ausriefen, konnten sie sogar den alljährlichen Songwettstreit „Loss mer Singe“ für sich entscheiden.  Inzwischen werden sie mit den Großen in einem Atemzug genannt: Brings, Kasalla, Miljö, Cat Ballou, Querbeat –  niemand braucht mehr Angst vor dem Aussterben Kölner Bands zu haben. Und Miljö tragen ein ganz großes Stück dazu bei. Trotz des großen Trubels am Ende der Session, fand Frontmann Mike Kremer Zeit, Jeckes.NET Rede und Antwort zu stehen.

Hallo Mike! Wir sind im Endspurt des Sessions-Wahnsinns, trotzdem zuerst zu etwas völlig anderem: Wie laufen die Arbeiten am neuen Album?
Die haben eigentlich mit der Veröffentlichung des letzten Albums „Wolkestadt“ wieder begonnen. Das ist eher ein langer und kontinuierlicher Prozess, denn wir können unsere Kreativität nur schwer steuern. Manchmal passiert es, dass mir eine Melodie zu einem neuen Song unter der Dusche oder im Auto einfällt. Für solche Fälle habe ich immer eine Diktier-App auf meinem Handy, so dass ich die Idee direkt einsingen kann, damit sie nicht verloren geht. Wenn wir dann keine Auftritte haben, sitzen wir oft zuhause und machen aus diesen Ideenfetzen einen ganzen Song. Haben wir genug davon gesammelt, werden die Lieder noch mal ordentlich aufgenommen und auf ein Album gepresst. So läuft das bei uns eigentlich immer. Um die eigentliche Frage zu beantworten: Wir sind schon recht weit, haben gute Ideen, am Ende könnte es aber auch passieren, dass nur eine EP mit sechs bis acht Songs dabei rumkommt – das lassen wir uns offen. Lieber acht gute Songs als zwölf mittelmäßige.

Ihr werdet es mit einer großen Release-Party am 25.10. im E-Werk feiern – gibt es überhaupt noch Tickets?
Der Vorverkauf hat im Dezember begonnen und läuft sehr gut. Alle, die noch kein Ticket haben, kann ich aber beruhigen: Es gibt noch welche. Wir freuen uns jetzt schon riesig auf den Abend, da es das mit Abstand größte eigene Konzert unserer bisherigen Bandgeschichte sein wird. Und natürlich lassen wir uns wieder einige besondere Sachen für unsere Fans einfallen. Seid gespannt.

Beim Videodreh zu „Schöckelpääd“ wurden die Jungs zu Cowboys.

Ein Release-Konzert in der „guten Stube“ unweit von eurem Veedel ist schon toll – aber träumt ihr insgeheim nicht schon von Müngersdorf? Einmal Miljö im Rhein-Energie-Stadion? Kasalla trauen sich ja schließlich auch …
(Lacht) Wir wurden in unseren Elternhäusern dazu erzogen, erstmal kleine Brötchen zu backen. Ans Stadion zu denken wäre komplett größenwahnsinnig. Natürlich ist das der Traum vermutlich jeder Band in Köln, aber das bleibt für uns erstmal nur ein Traum. Wenn wir irgendwann mal 50-jähriges Bandjubiläum feiern und es uns dann noch gibt, denken wir vielleicht mal darüber nach… Dass die Kollegen von Kasalla ins Stadion ziehen ist für uns der verdiente nächste Schritt und der absolute Höhepunkt einer beispiellosen Karriere. Wir freuen uns für und mit den Kollegen darüber und sind fest davon überzeugt, dass das Konzert schon bald restlos ausverkauft sein wird. Wir selber haben uns den Termin schon im Kalender geblockt und werden uns das Spektakel auch ansehen.

Das Video zu eurem diesjährigen Sessionshit „Schöckelpääd“ist ein Knaller und ziemlich aufwendig – wer hatte die Idee dazu und wie lange habt ihr gedreht?
Wir arbeiten schon seit Jahren mit der Produktionsfirma Filmklub Entertainment zusammen, weil die Jungs extrem gute Ideen haben und diese auch genial umzusetzen wissen. Als ich denen den Song geschickt hatte, war für sie direkt klar: Dazu müssen wir einen Western drehen! So richtig mit Schurken, Spiel und Schlägereien. Wir fanden die Idee auf Anhieb super und haben dann gemeinsam das Drehbuch ausgearbeitet. Der Dreh war ­– wie man vermutlich sehen kann – total witzig und wurde tatsächlich an nur einem, allerdings sehr langen, Tag abgedreht. Endlich durften wir uns mal so richtig die Köppe einhauen!


Ihr seid längst im großen „Karnevals-Zirkus“ etabliert und habt inzwischen gerne mal acht Auftritte pro Tag. Ist das so anstrengend, wie man es sich vorstellt?
Es ist extrem anstrengend und wenn wir unseren Job nicht so lieben würden, hätten wir schon längst das Handtuch geworfen, denke ich. Das, was am meisten Energie kostet, sind die ständigen Hochs und Tiefs. Du betrittst die Bühne, Adrenalin und Endorphin steigen in den Himmel, die Jecken sind gut drauf, singen und feiern gemeinsam mit dir. Dann musst du klitschnass wieder von der Bühne runter und zurück in den Bus. Dort ist es ruhig, keine Musik, keine Jecken, keine Saalkapelle, kein Tusch. Adrenalin und Endorphin fallen in den Keller und du wirst tierisch müde – aber du musst danach noch sechs Mal auf die Bühne. Es ist vermutlich fast wie eine Droge und viele unserer Kollegen aus der Branche berichten von einer Art Post-Karnevals-Depression nach Aschermittwoch. Das sind dann wahrscheinlich die Entzugserscheinungen.

Wie habt ihr euch in der Session fit gehalten? Ein Ausfall mitten drin ist ja richtig doof – wie so einige Bands in den letzten Wochen erfahren mussten. 
Krank zu werden ist nicht nur für die betroffene Person doof, sondern kann für das ganze Team, also die Band, die Techniker, das Management und so weiter, mittlerweile einen beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden bedeuten. Darum gibt es für alle bis auf den Frontmann, also mich, Ersatzleute, die vor der Session auf die Stücke vorbereitet werden, so dass sie kurzfristig einspringen können. Wir versuchen in der Session natürlich jedes Risiko zu vermeiden: also nicht mit nassen Haaren raus, nach jedem Auftritt und jedem Händeschütteln Hände desinfizieren, keine langen Partys am Abend, regelmäßig Sport und all das. Ich persönlich mache meine eigene Fastenzeit schon in der Session: Von Neujahr bis zum letzten Auftritt an Karnevalssamstag gibt’s für mich keinen Schluck Alkohol, dafür aber regelmäßig Fitnessstudio und Sauna. Wenn man aber – wie ich – Kinder hat, kann es natürlich trotzdem jederzeit passieren …

Andere Kölner Bands haben sich während der Session ja sogar ein komplettes Kölschverbot auferlegt. Ist ganz Miljö so asketisch durch die Säle unterwegs wie du?
Generell muss das jeder für sich selbst entscheiden, denn jeder verträgt Alkohol auch unterschiedlich gut. Viele Veranstalter bringen noch vor der Begrüßung erstmal einen Kranz Kölsch. Das ist eine sehr nette Geste und es fällt leider auch oft schwer, da nein zu sagen. „Ein Kölsch kann man ja trinken“ … aber mach das mal bei sieben Auftritten am Abend! Wir haben als Band die Regel: Beim letzten Auftritt am Abend darf auch schon mal ein Kölsch getrunken werden. Für mich aber gibt’s, wie erwähnt, ganz asketisch keinen Schluck, denn ich merke, dass der Alkohol nicht nur mein Immunsystem kompromittiert, sondern auch mit jedem Kölsch meine gesanglichen Fähigkeiten abnehmen, da ich unkonzentriert werde.

Habt ihr alle eigentlich nach wie vor noch „normale“ Vollzeitjobs und wenn ja – wie regelt ihr das mit den Urlaubstagen für all die Auftritte?
Mittlerweile gehen drei von uns fünf nicht mehr nebenbei arbeiten, zumindest nicht als Angestellter. Ich selbst war bis Ende 2018 noch bei einer Firma in Ehrenfeld angestellt, in der ich jedoch nur einen Tag pro Woche gearbeitet habe. Doch selbst das bekam ich zeitlich leider einfach nicht mehr hin. Max arbeitet derzeit noch bei der BZgA in Braunsfeld, kann sich seine Arbeitszeiten aber zum Glück recht flexibel gestalten. Nils ist mit einer halben Stelle Lehrer an unserer alten Schule (IGS Holweide). Er ist leider fest an seinen Stundenplan gebunden und da kommt es vor, dass er morgens um 8 Uhr vor der Klasse stehen muss, obwohl er erst um 2:30 Uhr im Bett war. Frag mich nicht, wie er das schafft, ich habe keine Ahnung.

Drehen wir die Zeit mal sechs Jahre zurück: Miljö steckt als Band noch in den Kinderschuhen, regelmäßige Auftritte auf den großen Bühnen sind noch weit weg. Nenn mir doch mal bitte zwei Dinge, die heute für Euch als Band ganz normal sind, mit denen Ihr früher nie gerechnet hättet.
(Lacht) Nummer Eins ist ganz klar, dass wir heute Geld mit unserer Musik verdienen. Das hätte sich früher keiner von uns erträumt. Wenn man mit seiner Leidenschaft seine Familie ernähren kann, ist das schon richtig toll. Ansonsten ist es für uns mittlerweile ganz normal, die Kölner Prominenz zu treffen. Denn was das angeht, ist Köln echt ein Dorf. Neben den anderen Bands, die man ständig irgendwo hinter der Bühne trifft, sehen wir auch ab und zu unsere Oberbürgermeisterin oder andere Politiker wie etwa mal den Ministerpräsidenten Armin Laschet und andere.

Und noch ein Blick in die Zukunft, bei dem wir auf die Bläck Fööss schielen: Kannst du dir vorstellen, in einigen Jahrzehnten einen Nachfolger für Deine Position bei Miljö zu suchen, um die Band in die nächsten Jahrzehnte hinüberzuführen?
Wir sind eine „Bandokratie“. Das heißt, dass jeder dasselbe Stimmrecht hat. Wenn ich also mal aussteigen sollte, würde es an den anderen vier liegen zu entscheiden, ob sie die Stelle neu besetzen und weitermachen, oder eben aufhören wollen. Wenn es uns in 40 Jahren noch geben sollte, könnte ich mir eher vorstellen, lieber irgendwann einen Schlussstrich zu ziehen. Miljö ist ja schon sehr an diese fünf Personen gebunden, ähnlich wie Brings. Bei denen könnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass jemand ersetzt wird. Anfangs habe ich auch den Verjüngungsprozess bei den Bläck Fööss mit einem sehr kritischen Auge betrachtet. Ich war der Meinung, dass das dann nicht mehr „meine Fööss“ sind. Mittlerweile glaube ich, dass Pit, Mirko und jetzt zuletzt auch Hanz eine absolute Bereicherung für die Truppe sind. Wichtig ist, dass nach wie vor die Qualität der Musik stimmt.

Fotos: Christine Frank/Daniela Patricia Rösler (Titelfoto)

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