Der Herrgott meint es gut mit ihm – Interview mit Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken (67) ist als BAP-Chef und Solokünstler seit Ende der 1970er-Jahre nicht mehr aus der deutschen Rock-Szene wegzudenken. Doch die kölsche Musiklegende wird nicht müde: Sein aktuelles Soloalbum „Reinrassije Strooßekööter“ erreichte im letzten Jahr Platz zwei der Album-Charts. Derzeit tourt er mit BAP live quer durchs Land. Den Tourabschluss feiert die Band am 31. Oktober 2018 im heimischen Palladium. Kürzlich war Niedecken außerdem in einer Doku-Serie für den Sender „arte“ auf Bob Dylans Spuren unterwegs. Alles Gründe genug für Alexander Kuffner aus der Jeckes.NET-Redaktion, sich mit dem Multitalent aus der Südstadt zu unterhalten.

Wolfgang, Dein aktuelles Soloalbum „Reinrassije Strooßekööter“ hast Du in New Orleans aufgenommen. Auf der derzeit laufenden „live & deutlich“ Tour spielt dieses „Familienalbum“ eine große Rolle. Zum einen ist wie auf der Platte auch live eine Blechbläser-Truppe dabei, zum anderen hast Du viele Fotos und Videos der US-Südstaaten ins Bühnenbild eingefügt. Was verbindet Dich so mit dieser Region?
Mein vorheriges Soloalbum „Zosamme alt“ habe ich ja in Woodstock aufgenommen und in New York abgemischt. Die Musiker, mit denen ich damals zusammengearbeitet habe, schwärmten mir dabei ständig von New Orleans vor. Die haben mir echt den Mund wässrig gemacht. So sehr, dass ich mir fest vorgenommen habe, das nächste Soloalbum dort zu produzieren. Dann hat letztes Jahr im Mai alles gepasst und wir sind hin. Und die Jungs haben nicht gelogen: New Orleans ist eine unglaublich schöne Stadt – voller Musik und Humor. Außerdem ein breiter Fluss, Karneval … es gibt schon ziemlich viele Parallelen zu Köln. Die Leute dort sind entspannt, gemütlich und außerdem gibt es tatsächlich überall und immer Konzerte. Ich habe die Zeit dort keine Sekunde bereut. Wir waren alle traurig, als die Aufnahmen beendet waren.

Wolfgang Niedeckens BAP tourt gerade mit Südstaaten-Kulisse durch die Lande. // Foto: Tina Niedecken

Weil die Stadt so toll ist, oder weil es allen so viel Spaß gemacht hat?
Sowohl als auch. Die ganzen Einflüsse dort, der Zydeco, die Cajun-Percussions – das hat sich beim Aufnehmen unglaublich gegenseitig befruchtet. Mit dem Blechbläser-Trio, das derzeit mit auf Tour ist, habe ich schon bei „Sing meinen Song“ zusammengearbeitet und ich bin total froh, dass sie das jetzt möglich machen konnten. Die Einflüsse meiner Soloalben haben BAP übrigens immer gutgetan. Ohne „Reinrassije Strooßekööter“ wären wir jetzt zum Beispiel auch ohne die Drei auf der Bühne unterwegs. Das wäre total schade, weil es ist so dermaßen der Hammer … ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus (lacht).

Das merkt man …
Es kommt noch besser: Eigentlich hatte ich nicht vor, ein Live-Album von dieser Tour zu veröffentlichen. Ich habe sowieso manchmal das Gefühl, ich bringe zu viel raus. Außerdem hätte es mit der ganzen Produktion, dem Abmischen und dem Artwork viel zu lange gedauert, wenn wir das erst im zweiten Tour-Teil aufgenommen hätten. Aber die Fans haben uns förmlich angefleht, eins zu machen. Und dann sagt unser Live-Mixer: „Du, ich hab da ab Köln sieben Konzerte komplett mitgeschnitten, ihr könnt ja mal rein hören.“ Das haben wir natürlich gemacht, und was soll ich sagen: Das zweite Konzert im Münchener Zirkus Krone war dermaßen entspannt und es hatte trotzdem eine unglaubliche Dynamik… Kurz: Am 2. November erscheint „Live&Deutlich“ (lacht).

Was fasziniert Dich so an den USA?
Ich bin ja jemand, der mit einem großen Fernweh gesegnet wurde. Ich reise unwahrscheinlich gerne, und das wird auch nie aufhören. Was die USA angeht, kommt von dort halt die Musik, die mich fasziniert. Denn auch wenn es über den Umweg der britischen Bands gegangen ist, stammt Rock – genauso wie Blues und Jazz – letztlich aus Amerika. Die Wurzeln liegen allerdings in Afrika, die haben die Sklaven mitgebracht. Einer meiner größten Einflüsse ist außerdem bekanntermaßen Bob Dylan. Ohne ihn wäre ich niemals ein Songwriter geworden.

Daher auch Deine vielbeachteten Doku-Serie, in der Du auf den Spuren Bob Dylans quer durch Amerika unterwegs warst. Wolfgang Niedecken macht eine TV-Serie: Das war ja ein eher ungewöhnliches Projekt …
Hannes Rossacher von der DoRo-Filmproduktion hatte mich schon vor längerer Zeit angesprochen, ob ich nicht Lust darauf hätte. Und als Dylan dann den Literatur-Nobelpreis verliehen bekommen hat, fand sich tatsächlich auch ein Fernsehsender für die Serie. Schließlich sind wir dann im September und Oktober 2017 in den USA gewesen und haben das gemacht. Vorher habe ich mich zwei Wochen auf Kreta vergraben und intensiv vorbereitet, also ausschließlich Dylan gehört und gelesen sowie die Route ausgearbeitet. So war ich letztes Jahr dann tatsächlich zweimal beruflich in New Orleans: im Mai für das Familienalbum und im Oktober auf Dylans Spuren. Wenn vom Hannes noch andere Ideen für einen Mehrteiler in dem Stil kommen – also ich wär dabei! Nicht das mir noch langweilig wird (lacht).

Deine Dylan-Reise hat mich ein bisschen an Doku-Serie „Sonic Highways“ von Dave Grohl („Foo Fighters“, „Nirvana“) erinnert. In den acht Folgen reist er darin mit den Foo Fighters durch Städte in den USA und geht der lokalen Musikgeschichte dort auf den Grund.
Ja, kenne ich. Großartige Serie. In New Orleans haben wir sogar am selben Ort gedreht, in dem Grohl eine Folge seiner Serie gemacht hat – der Preservation Hall. Ein ganz uriger und kleiner Jazzschuppen mit einer tollen Geschichte.

Könntest Du Dir eigentlich vorstellen, in ein paar Jahren komplett in die Staaten rüber zu machen?
Nee. Ich könnte mir generell eher vorstellen, irgendwo ein Haus auf einer Insel zu haben und dort ein bisschen halblang zu machen. Es ist schon sehr viel Arbeit, wenn so viele interessante Sachen passieren und man immer mitten drinsteckt. Ich müsste eine Möglichkeit und einen Ort finden, an dem ich ein bisschen innehalten könnte. Ich bin eben ein Überzeugungstäter und kann schlecht „nein“ sagen, wenn mich was interessiert.

Und jemand, der gerne alles selber in die Hand nimmt …
Ich sag mal so: Ich arbeite ja mit super Leuten zusammen. Die Band ist fantastisch. Man kann sich aufeinander verlassen. Aber völlig klar bin letztlich ich derjenige, der final entscheidet. Trotzdem höre ich mir alle anderen Meinungen an. Zum Beispiel würde ich den Teufel tun, einen Song auf die Setlist zu packen, von dem ich weiß, dass einer der Musiker ihn nicht ausstehen kann. Ich bin kein Despot. Aber einer muss am Schluss entscheiden. Ansonsten, das haben wir vor vielen Jahren bei BAP schon mal gehabt, endet das in einer „Demokratur“.

2017 drehte der Kölner Musiker eine TV-Serie über sein Vorbild Bob Dylan. // Foto: Tina Niedecken

Wieso kam es eigentlich noch nie zu einer US-Tour von BAP?
Ach, das hätte doch keinen Zweck. Wenn du in Amerika spielst, gelten ganz andere Geschäftsbedingungen. Da in kleinen Clubs rumzutingeln und höhere Reisekosten als Einnahmen zu haben, macht keinen Sinn und rechnet sich nicht. Es sei denn, man macht so was zusammen mit einem deutschen Sponsor. Einer Firma, die viele Mitarbeiter in den USA hat oder so. Aber da habe ich wirklich noch nie drüber nachgedacht. Das wäre ganz schön, doch am Ende nur jet für d’r Spaß.

Du bist seit langem mit Bruce Springsteen befreundet, seht ihr Euch oft?
Relativ lange schon nicht mehr. Irgendwie waren wir in der letzten Zeit beide immer gleichzeitig auf Tour, sodass es nie geklappt hat. Aber das nächste Treffen kommt bestimmt. Es läuft immer gleich ab: Wir sitzen in der Garderobe und unterhalten uns, irgendwann kommt jemand rein uns sagt „Bruce, Du musst raus“. Und dann fragt er meistens: „Ja, was ist jetzt, spielste einen mit?“ (lacht). Das ist dann in der Regel „Hungry Heart“, manchmal aber auch ein anderer Song. Wie dessen Akkorde gehen, erfahre ich dann auf dem Weg zur Bühne (lacht).

Von Amerika aus in die norddeutsche Tiefebene: Ende August war BAP bei der zweiten Auflage von „Werner – Das Rennen zu Gast“. Schon vor 30 Jahren wart ihr bei diesem riesigen Festival in Hartenholm dabei: Wie war die Zeitreise zurück in die 80er?
Wir haben einen unfassbaren Spaß gehabt. Ich war beeindruckt, wie friedlich und entspannt das da war. Unheimlich viele Hardrocker, die auch eine BAP-Vergangenheit haben, waren dort, ich wurde ständig nach einem Selfie gefragt (lacht). Wir haben eindreiviertel Stunden gespielt und hatten bis auf zwei Balladen nur Dinger im Programm, die auch abgehen. Vor 30 Jahren standen wir ja erst mitten in der Nacht auf der Bühne, so gegen zwei Uhr. Damals haben wir mit einer improvisierten Version von „Born to be Wild“ angefangen. Die Leute sind so abgegangen, danach hätten wir Hänschen klein rückwärts spielen können. Unser damaliger Roadie Kalau hat mitgesungen. Und als er hörte, dass das Festival im August quasi wiederholt wird, hat er mich angerufen und gefragt, ob er wieder dabei sein darf. Also haben wir es fast genauso gemacht wie vor 30 Jahren und „Born to be Wild“ gebracht, diesmal allerdings nicht als Opener mit Kalau im Duett, aber es war trotzdem der Knaller.

Anfang des Jahres habe ich Tommy Engel gefragt, warum noch niemand ein kölsches Festival über ein gesamtes Wochenende organisiert hat. Fand er auch sonderbar. Wärst Du dabei?
Ein richtiges Wochenend-Festival wie „Rock am Ring“ nur mit kölschen Bands? Puh … Ich glaube, so etwas würde an ganz vielen kleinen Befindlichkeiten scheitern. Da bin ich zu alt für. Aber wenn jemand so etwas anfragen würde, käme ich schon ins Überlegen. Wahrscheinlich hätte ich aber ein Problem damit, dass es zu karnevalslastig würde. Andererseits gibt es da auch Kollegen wie die Bläck Fööss, LSE, Köster/Hocker … klar könnte man da was machen. Aber sobald es mit der üblichen kölschen Besoffenheit losgeht, bin ich auch schon wieder draußen. Ich gönne jedem Kölner Musiker seinen Erfolg, aber das kann ich einfach nicht mit meinem Geschmack vereinbaren.

Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielen würden, was wäre der größte Wunsch, den du dir gerne noch mit der Band erfüllen würdest?
Gute Frage, da muss ich echt mal überlegen … (denkt lange nach)

Das klingt nach einem erfüllten Musikerleben, wenn einem da nichts einfällt.
Na ja, wir haben ja auch schon eine ganze Menge tolle Sachen gemacht. Aber ich hätte da was: Mit allen ab nach Afrika. Schauen, was dort abgeht, sich von der Musik beeinflussen lassen und dann aufnehmen. Es macht so viel Spaß, mit Musikern aus einer ganz anderen Richtung zusammenzuspielen und alles in respektvoller Form verschmelzen zu lassen.

Apropos andere Richtung: Kennst du eigentlich die erfolgreiche südkoreanische Boyband B.A.P.?
(Lacht) Die taucht immer wieder im Internet auf, wenn du nach irgendetwas über BAP suchst, ja. Aber ich habe noch keinen Ton von denen gehört. Die einzige Boyband, die ich jemals gut fand, waren die Beatles. McCartney ist immer noch großartig, der macht einfach so lange weiter, bis er umfällt. Seit Jahrzehnten hat der Kohle und ein Repertoire bis zum Abwinken und macht trotzdem immer weiter neue Sachen. Diesen Gestaltungswillen finde ich großartig. Andere Künstler geben sich damit zufrieden, anderthalb Stunden einen Hit nach dem anderen zu spielen und fertig.

Auch Du könntest Dich auf „Best-of“-Konzerte beschränken …
Klar, logisch. Aber ich finde immer wieder einen neuen Weg. Diese Soloplatten zum Beispiel, warum mache ich die überhaupt? Weil ich mit meinem Repertoire respektvoll umgehen möchte. Ich habe halt diesen Gestaltungswillen. Es gibt so viele Stücke im Verborgenen, aus denen man ein Themenalbum machen kann. „Zosamme alt“ habe ich 2013 für meine Frau aufgenommen. „Stroßekööter“ im letzten Jahr war für meine Familie. Und wenn es zu einem weiteren kommt, werde ich den Zoom thematisch noch etwas weiter aufziehen. Die Idee dazu hab ich auch schon, aber die verrate ich nicht (lacht). Irgendwann, wenn dä Herrjott et zolöht, wird das angegangen.

Der war schon mal gnädig mit Dir, das kann er ja ruhig weiter sein.
Eben. „Dä Herrjott meint et joot met mir“, so heißt nicht ohne Grund ein Song auf „Lebenslänglich“.

Titelfoto: Photogroove

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2 Kommentare zu “Der Herrgott meint es gut mit ihm – Interview mit Wolfgang Niedecken

  1. Musiker sollten sich mal gelegentlich an ihre eigenen Songs erinnern, denn die scheinen den ein oder anderen irgendwann mal einzuholen!
    „Ne schöne Jrooß an all die, die unfehlbar sind“, sang doch dereinst der liebe Wolfgang. Heute ist er das etablierteste Establishment, der sich nur noch selbst rezitiert.
    Herr Niedecken ist für mich vor allem ein permanenter Selbstvermarkter. Er hatte das Glück aus den technischen Übergangsformen der Musikspeicher stets eine ökonomische Wiederverwertung herauszuholen: erst auf Vinyl, dann auf CD, dann auf DVD und wieder zurück.
    Letztens im Radio auf WDR 4 lief eine neue Version von „Ne schöne Jrooß“. Da wurde mir klar, dass hier seit Jahrzehnten die ökonomische Wiederholungsschleife gefahren wird. Der Wolfgang sollte sich mal an den Inhalt seines eigenen – sehr guten Songs – erinnern und nich nicht immer so bedeutungschwer über sein tolles Leben berichten. Er sollte sich vielleicht mal Gedanken um den Zustand unseres Landes machen, das von seiner Freundin im Geiste, von Frau Merkel, an die Wand gefahren wird.

  2. @Gerome: Die Band BAP ist in einer hochpolitischen Zeit groß geworden und hat natürlich auch politische Songs gemacht. Daraus die Verpflichtung abzuleiten, dass die Band oder Wolfgang nun bis in ewige Zeiten politische Songs machen müssen um Dich zufriedenzustellen ist so eine typisch-kleingeistige deutsche Haltung.

    Die Band hat sich entwickelt, Wolfgang hat sich entwickelt, Du hast Dich (hoffentlich) entwickelt, die Zeit hat sich entwickelt. Und jetzt gefällt Dir das nicht, was Du von BAP hörst. Da gibt’s eigentlich nur eine Möglichkeit: nur noch die alten Sachen hören und nichts mehr aus neuerer Zeit. Mache ich auch so bei Bands, die sich in eine Richtung entwickeln, die mir nicht mehr gefällt. Aber hier nicht an Wolfgang’s Weg rummäkeln. Das ist billig und würde zu Recht jedem Künstler auf den Sack gesehen. Zumal ich die Entwicklung bei BAP sehr organisch und facettenreich finde.

    Ganz abgesehen davon, dass Wolfgangs persönliches Engagement in Afrika z.B. über jeden Zweifel erhaben ist. Und dass es auch auf jüngeren Alben immer wieder politische Songs gibt, aber halt nicht so Polithansel-plakativ wie früher in den seeligen Latzhosen-80ern, sondern mit leisen Tönen.

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